Bei einem Festakt zum 50. Jubiläum wurde deutlich, mit welchen gesellschaftlichen Kräften sich Lehrkräfte und Schullandheime aktuell messen müssen. Wie können sie Schülern etwas bieten?

Vor 50 Jahren wurde das Schullandheimwerk Unterfranken gegründet. Es waren visionäre Lehrkräfte, die sich am 28. Oktober 1972 im Schulamt Schweinfurt zusammen fanden, um neue und andere Ideen von Erziehung, Schulunterricht und Pädagogik umzusetzen. Unter dem Dach des Schullandheimwerks sind heute sechs Schullandheime beheimatet: Bauersberg, Hobbach (beide Schullandheim Hobbach-Bauerberg gGmbH), Leinach (Landkreis Würzburg), Rappershausen (Gemeinde Hendungen), Reichmannshausen (Landkreis Schweinfurt) und Schwanberg (Geistliches Zentrum Schwanberg e.V.).

Ein Festakt feierte das Jubiläum

Die Schule als Werkstatt der Menschlichkeit sollte dem ganzheitlichen Gedanken Rechnung tragen, erklärte es die heutige Vorsitzende Heike Makowsky. Die Gründer waren Heinrich Hubert, Albert Lippert, Arthur Höhl, Manfred Domes, Annemarie Wachsmuth und Walter Langenberger. Außerschulische Lernorte sollten den Lehrkräften und ihren Klassen neben dem Erlebnis von Gemeinschaft auch motivierende und nachhaltige Lernsituationen bieten. Ein fächerübergreifender, projektorientierter Unterricht sowie selbsttätiges, entdeckendes Lernen sollte leichter zu verwirklichen sein.

Zur damaligen Zeit fuhren Lehrkräfte mit ihren Klassen 14 Tage ins Schullandheim. Das habe sich heute grundlegend geändert, drei Tage, mehr werde kaum mehr verreist, so Makowsky. Früher sei es darum gegangen, lernen als ganzheitlichen Auftrag zu verstehen. "Es ging darum, dass Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler auch im Alltäglichen zusammenwachsen". Daraus hätten sich viele Möglichkeiten ergeben, auf Erziehung Einfluss zu nehmen und zwar ganz anders, als es nur in der Schule möglich war. Es wurde miteinander Alltag geteilt, gegessen, gewandert, musiziert und Naturerfahrungen gesammelt. "Es war eine Lebens- und Lerngemeinschaft und meist eine fruchtbare Zeit für alle."

Auch in einer Podiumsdiskussion wurden die pädagogischen und menschlichen Bereicherungen eines Schullandheimaufenthaltes thematisiert. Leidenschaftlich plädierte Claudia Markert (Lehrerin am Walter-Rathenaus Gymnasium in Schweinfurt) für Schullandheimaufenthalte, fern von wirtschaftlichem Denken. "Denkt an die Kinder", rief sie allen Verantwortlichen zu. Alle Rednerinnen und Redner waren sich einig, dass Schullandheimaufenthalte keine Spaßfahrten sind. Der Spaß solle nicht zu kurz kommen, aber wertvolle und vielfältige Bildungsangebote ständen im Fokus.

Anders lernen als in der Schule

Die Schullandheimaufenthalte waren auch in früheren Zeiten keine Ferien, sondern eng mit dem Lehrplan verbunden. Doch der Lehrstoff konnte in einem ganz anderen Rahmen als in der Schule abgearbeitet werden. Im Laufe der Jahre habe jedes der Häuser eine andere Prägung entwickelt und andere Schwerpunkte gelegt, wie die Wasserschule und das Studienhaus "Geographie/Geologie" am Bauerberg, das Radfahren in Rappershausen oder Begegnung mit Behinderungen, Kultur und Geschichte, Spiritualität am Schwanberg. Durch diese thematische Schwerpunktsetzung in den einzelnen Häusern stehe inzwischen ein breit gefächertes vielfältiges Angebot an Modulen zur Verfügung, die von der Grundschule bis zur gymnasialen Oberstufe reichen.

"Nach Corona sind Schullandheim-Aufenthalte, Menschlichkeit im Lernen und vor allen Dingen ganzheitliches Lernen nötiger denn je", betonte die Vorsitzende Makowsky. Aus ihrem Schulalltag an einer Brennpunktschule in Aschaffenburg berichtete sie von "gravierenden Defiziten in sozialen Bereichen der Schülerschaft". Die Unterhaltungselektronik nehme überhand, es mangele an Bewegung, an Tischmanieren, Alltagskompetenzen zum Beispiel für die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln.

Auch die Konsumerwartung der Lehrkräfte ist gestiegen

Was sich auch verändert habe, sei die komplette Gesellschaft und damit auch die Lehrerschaft. Es sei schwer, junge Menschen für eine Mitgliedschaft und das Ehrenamt zu gewinnen. Die Konsumerwartung der Lehrkräfte, die in ein Schullandheim kommen, sei auch gestiegen. Zudem seien viele Lehrkräfte durch den Schulalltag absolut überlastet und ausgebrannt, so dass sie möglichst viele Module beanspruchen, um ein bisschen Entlastung zu erfahren. Es würde zum Problem, dass die Aufenthalte immer kürzer werden, von ehemals 14 auf heute drei Tage reduziert, was auch betriebswirtschaftlich einen Mehraufwand darstelle, der sich kaum rechne.

Dass die kürzeren Aufenthalte nicht auf die Lehrkräfte zurück zu führen sind, sondern auch auf Eltern, die ihre Kinder nicht so lange wegfahren lassen, die Angst haben vor den neuen Eindrücken und Gedanken, ihre Kinder bekommen könnten, wurde ebenfalls deutlich. Hier gelte vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen neue Visionen zu entwickeln.

 

Main Post, Marion Eckert, 09.06.2022

 

logorhoeniversum
­